Das Manns-Knabenkraut (Orchis mascula)

Eine „stattliche Schönheit“ unserer Flora

Viele Menschen wissen gar nicht, dass es in unserer heimischen Natur wildwachsende Orchideen gibt. Sie bringen diese Pflanzenfamilie eher mit Gewächshäusern oder tropischen Regenwäldern in Verbindung. Dabei gibt es in Deutschland über 50 Arten dieser faszinierenden, dabei seltsamen und teilweise noch immer geheimnisvollen Pflanzen. Eine der ersten, deren Blüten schon im Mai zu bewundern sind, ist das Stattliche oder Manns-Knabenkraut (Orchis mascula).

 Der kräftige Wuchs, die großen Blätter und die bis zu 15 cm langen, violetten, manchmal auch weißen Blütenkerzen haben sicherlich zur Bezeichnung „Stattliches Knabenkraut“ beigetragen. Der ältere, volkstümlichere Trivialname „Manns-Knabenkraut“ hat aber noch einen anderen Ursprung. Der wissenschaftliche Name „Orchis mascula“ stammt vom großen schwedischen Systematiker Carolus Linnäus und bedeutet soviel wie „männlicher Hoden“. Orchis ist nämlich das griechische Wort für Hoden.

Wie viele Erdorchideen besitzt auch das Stattliche Knabenkraut zwei Wurzelknollen, eine kleinere, runzlige, aus der die diesjährige Pflanze wächst, und eine größere, glatte, aus der die Pflanze des nächsten Jahres sprießen wird. Die Ähnlichkeit mit Hoden ist dabei offensichtlich und gab der gesamten Familie der Knabenkräuter ihren volkstümlichen Namen. Die Signaturenlehre tat dann ein Übriges, indem sie der Pflanze aufgrund dieser Ähnlichkeit die Wirkung eines Aphrodisiakums zusprach.

Wir wissen es natürlich heute besser.

 

Das Stattliche Knabenkraut gehört zu den Waldorchideeen, d. h. man wird sie in der Regel in lichten Kalk-Buchenwäldern finden. Das ist auch im Landkreis Goslar so, allerdings mit einer Besonderheit. In den Biotopen der Natur- und Umwelthilfe Goslar zwischen Heißum und Othfresen finden wir diese Pflanze auch auf den Kalk-Halbtrockenrasen. Dort gedeihen sie allerdings immer an den Nordhängen, mit anderen Worten im kühleren Bereich der Kalk-Halbtrockenrasen. Das hat vielleicht etwas mit der „genetischen Erinnerung“ daran zu tun, dass sie eigentlich in den kühlen Halbschatten des Waldes gehören. Laut Volker Schadach, Vorsitzender der Natur- und Umwelthilfe Goslar, fühlen sich die Pflanzen jedoch auch auf den offenen Flächen sehr wohl, denn die Bestände wachsen seit Jahren bzw. sind sehr stabil.

Die Schafsbeweidung, ein wichtiger Bestandteil der Pflegemaßnahmen. Foto: Volker Schadach
Die Schafsbeweidung, ein wichtiger Bestandteil der Pflegemaßnahmen. Foto: Volker Schadach

Letzteres hat natürlich auch mit den Pflegemaßnahmen des Vereins zu tun, denn ohne diese wären die Lebensräume bereits stark verbuscht und die Bestände der Orchideeen rückläufig oder vielleicht sogar in Teilbereichen schon erloschen. Das Stattliche Knabenkraut gehört zwar zu den häufigen Orchideenarten, ist vielleicht sogar die häufigste Orchideenart überhaupt in unseren Breiten. Die Pflegemaßnahmen in den Biotopen kommen allerdings auch ihren nicht ganz so häufigen „Schwestern“ zugute. Viele davon stehen bereits auf der Roten Liste. Übrigens sind alle Orchideenarten streng geschützt.

 Ein paar allgemeine Anmerkungen zu dieser faszinierenden Pflanzenfamilie zum Schluss: Orchideen gehören zu den Liliengewächsen und sind eine noch junge, in voller Entwicklung begriffene, zugleich die arten- und formenreichste Pflanzenfamilie überhaupt. Alle Arten sind hochspezialisiert und haben sich jeweils auf bestimmte Bestäuberinsekten eingestellt. In Europa haben wir es ausschließlich mit Erdorchideen zu tun, während ihre Vettern in den Tropen regelmäßig auf anderen Pflanzen, meist Bäumen, gedeihen. Eine weitere Besonderheit: Orchideen haben winzig kleine Samen, die kein Nährgewebe besitzen. Mehr als 100.000 von ihnen wiegen gerade mal ein Gramm, im Prinzip nur sorgfältig verpackte DNS. Deshalb benötigen auch die meisten Arten einen ganz bestimmten Pilz im Boden, der das Nährgewebe ersetzt und ihnen die Keimung ermöglicht.

Die Kalk-Halbtrockenrasen und einige Kalk-Buchenwälder sind die letzten Refugien für diese Kleinodien. Hier bei uns steht die Natur- und Umwelthilfe Goslar e. V. dafür, dass sie nicht auch noch aus der Region verschwindet.

 

Quelle: Gerwin Bärecke, Goslar

Fotos:   Regine Schulz und Volker Schadach, Goslar