Seltene Insekten im Raum Goslar

 Seltene Arten gibt es bei uns im Raum Goslar. Zu den seltenen Spinnen aus meinem ersten Artikel kommt mittlerweile eine weitere hinzu. Zudem gibt es einiges zu berichten über seltene bzw. bedrohte Käferarten, über Heuschrecken und eine äußerst merkwürdige Zikade, letztere wohl ein Erstfund für Niedersachsen, sowie eine bemerkenswerte Libelle. Beginnen wir mit der Zikade, die ich am Osthang des Sudmerberges fand.

Europäischer Laternenträger (Dictyophara europaea) heißt sie, und dieser Trivialname gibt sicher erst einmal zu denken. Die Etymologie ist denn auch einigermaßen merkwürdig, hier ein Zitat aus Wikipedia:

Der Name Laternenträger leitet sich eigentlich von einer anderen Art der Familie, dem "Laternenträger" Fulgora laternaria ab. Diese südamerikanische Art ist in Europa schon früh bekannt geworden, unter anderem durch die Stiche von Maria Sibylla Merian. Dieser trägt einen blasenförmigen Kopffortsatz, der nach den Berichten einiger der frühen Forschungsreisenden angeblich so hell leuchten würde, dass man dabei lesen könne[4]. Auf unsere Art ist der Name übertragen worden, ohne dass es eine vergleichbare Sage gegeben hätte. Der wissenschaftliche Gattungsname Dictyophara bedeutet frei übersetzt "die ein Netz(gewand) trägt"[5] (von griech: dictyon: Netz und phorein: tragen). (Zitatende)

 

Nach meinem bisherigen Wissensstand ist es in der Tat für Niedersachsen ein Erstfund, für die wärmeliebende, mediterrane Art allerdings nicht der nördlichste Fund. Diese Zikade wurde auch schon nördlich von Hamburg in Schleswig-Holstein gefunden. Sie profitiert eindeutig vom Klimawandel.

 

 

 

 

 

Damit kommen wir zum Nachtrag für die Rote Liste-Arten der Spinnen. Im NSG Vienenburger Teiche ist die Dunkle Streckerspinne (Tetragnatha nigrita) zu finden. Ich hatte sogar mehrere Weibchen und ein Männchen, möglicherweise haben wir dort sogar eine recht ansehnliche Population dieser seltenen Streckerspinne, die für Niedersachsen den Status 3 in der Roten Liste hat. Wie fast alle Arten der Gattung ist sie auf die Randbereiche von Feuchtgebieten angewiesen. Sie ist deutlich dunkler als die anderen Arten und weist etwa in der Mitte des Hinterkörpers (Opisthosoma) eine Art sattelförmige Ausbuchtung auf, die durch die Zeichnung des Hinterkörpers noch hervorgehoben wird.

 

Zurück zu den Insekten. Am Besten beginne ich mit den beliebtesten, den Schmetterlingen. Die drei Arten, die ich hier vorstelle, könnten beliebt sein – wenn sie denn häufig wären. Das ist jedoch bei beiden leider nicht der Fall, ganz im Gegenteil. Der Ockerfarbene Steppenheide-Zwergspanner (Idaea ochrata) gilt immerhin in Niedersachsen als vom Aussterben bedroht (Bild links): Rote Liste-Status 1. Er fliegt in den trockenen, warmen und kurzrasigen Flussschotterbereichen in der Okerniederung zwischen Oker und Propsteiburg.

 

Nicht viel besser steht es um die Trockenrasen-Grüneule (Calamia tridens), die den gleichen Lebensraum bevorzugt (Bild rechts). Sie gilt als stark gefährdet und steht daher mit dem Status 2 in der Roten Liste.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die dritte Art, die ich hier vorstelle, ist aufgrund ihrer Lebensweise als selten zu betrachten. Die Raupen des Grasnelken-Glasflüglers (Pyropteron muscaeforme) leben monophag im Wurzelbereich von Grasnelken (Armeria maritima), in unserem Falle also an der Subspezies Hallersche Grasnelke (Armeria maritima subsp. halleri). Sie kann folglich nur überall dort gefunden werden, wo diese Pflanze zu finden ist (Bild nebenstehend). Letztere ist auf schwermetallhaltige Böden beschränkt und daher selten und streng geschützt. Wir werden sehen, dass noch ein weiteres Insekt auf diese Pflanze angewiesen ist.

 

Alle drei hier vorgestellten Schmetterlinge bevorzugen trockene, warme Lebensräume mit spärlicher Vegetation, also mit steppenartigem Charakter; beim Grasnelken-Glasflügler kommt die Schwermetallvegetation hinzu. Derartige Lebensräume gibt es bei uns kaum noch, allenfalls rudimentär in den Flusstälern von Oker und Innerste sowie an einigen anderen Stellen mit flachgründigem Boden und spärlicher Vegetation wie bei Kalk-Halbtrockenrasen. Leider gibt es aktuell Grund zur Sorge, was diese Art Lebensräume angeht. Der Stickstoffeintrag aus der Luft ist so groß, dass alles von stickstoffliebenden Pflanzen überwuchert wird. Langfristig könnte das für Offenlandarten wie die vorgestellten Schmetterlinge und viele andere das Aus bedeuten. Das gilt auch für die nächsten beiden Spezies aus der Ordnung der Heuschrecken (Saltatoria).

 

 

 

 

 

Sie sind beide Blauflügelarten, wobei damit die Hinterflügel gemeint sind, die nur im Flug zu sehen sind. Ansonsten werden sie von den Vorderflügeln verdeckt und sind unsichtbar. Die Blauflügel-Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens, Bild nebenstehend) und die Blauflügel-Sandschrecke (Sphingonotus caerulans, Bild unten) findet man in den erwähnten Lebensräumen an der Oker und an der Innerste, allerdings auch an anderen offenen Stellen im Landkreis wie Steinbrüche oder Sandgruben, sogar auf Parkplätzen habe ich beide schon gefunden.

Beide Arten gelten als stark gefährdet, und zwar aufgrund der Vernichtung ihrer Lebensräume. Die Blauflügel-Ödlandschrecke ist im nördlichen Deutschland bereits so gut wie ausgestorben (namentlich in der Lüneburger Heide), das Gleiche gilt für die nördliche Unterart der Blauflügeligen Sandschrecke in Schleswig-Holstein.

Beide Arten sind sich übrigens habituell sehr ähnlich und kommen auch oft vergesellschaftet vor. Gut unterscheiden kann man sie im Flug, die Ödlandschrecke hat einen schwarzen Saum an den Hinterflügeln, der bei der anderen Art fehlt. Der Halsschild ist unterschiedlich geformt und es gibt ein weiteres sicheres Merkmal an den Sprungbeinen, allerdings nur mit einer Lupe sichtbar.

 

 

 

 

Kommen wir zu den Käfern. Im Zusammenhang mit der Hallerschen Grasnelke erwähnte ich bereits, dass es ein weiteres Insekt gibt, das auf diese Pflanze angewiesen ist. Es ist ein Käfer, heißt Grasnelkenrüssler (Sibinia sodalis) und lebt ebenfalls monophag auf dieser Pflanze. Es gilt also für dieses Käferchen das Gleiche, was ich bereits für den Grasnelken-Glasflügler ausführte. Man muss allerdings eine Lupe dabei haben, denn das Kerlchen ist lediglich 2 mm groß (oder besser klein!). In Niedersachsen wurde dieser Käfer bisher lediglich im nördlichen Harzvorland gefunden, so zumindest geht es aus der Verbreitungskarte der Internetplattform kerbtier.de hervor.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die nächste Käferart ist durchaus auch ohne Lupe zu sehen, wenn man denn einen findet; er ist immerhin etwas mehr als einen Zentimeter groß. Es ist der Glattschienige Pinselkäfer (Trichius gallicus, auch Trichius zonatus). Er gehört zur Familie der Blatthornkäfer, zu der beispielsweise auch der Maikäfer gehört. Er reiht sich in die Unterfamilie der Rosenkäfer ein und gilt in Deutschland als gefährdet.

 

Ich habe ihn in unserer Region schon mehrfach gefunden, der auf dem Foto saß auf einem Weidezaun am Osthang des Sudmerberges.

 

 

 

Ein weiterer seltener Vertreter aus der Unterfamilie der Rosenkäfer ist der Grüne Edelscharrkäfer (Gnorimus nobilis). Er gilt überall in Europa als gefährdet, seine Larven sind, wie viele Käferlarven, auf totes Weichholz angewiesen. Der fertige Käfer ernährt sich von Blütenpollen, die bevorzugte Pflanze ist dabei das Mädesüß. Das hat z. B. in Großbritannien dafür gesorgt, dass Empfehlungen für die Bewirtschaftung von Wiesen ausgesprochen wurden, die den Bestand dieser Pflanze sichern sollen. Die Besonderheit dieses Käfers ist, dass er die Deckflügel nicht aufklappen muss, wenn er fliegen will. Die Hinterflügel passen durch Aussparungen in den Deckflügeln, so dass er im Flug vergleichsweise stromlinienförmig bleibt. In den Mädesüßbeständen an der Oker, mitten im Ortsteil, ist er zu finden.

 

 

 

 

 

Der Moschusbock (Aromia moschata), früher weit verbreitet, gehört inzwischen auch zu den gefährdeten Käferarten. Das hat ihm den Status „besonders geschützt“ nach dem Bundesnaturschutzgesetz und der Bundesartenschutzverordnung eingetragen. Der Käfer bzw. seine Larve ist auf Weichholzarten angewiesen, insbesondere auf Weiden. Kopfweiden z. B. werden bevorzugt, seit dem Ende der Korbflechterei gibt es aber kaum noch welche. Der fertige Käfer sitzt gerne auf Blüten, ich habe ihn bisher oft auf Mädesüß oder Wiesenkerbel an der Oker, in Grauhof und in der Ohlei gefunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Gefleckte Langrüssler (Cyphocleonus dealbatus) macht seinem Namen alle Ehre, wie man auf dem Foto sehen kann. Im Naturschutzgebiet Okertal zwischen Vienenburg und Goslar findet man ihn gelegentlich. Später im Jahr sitzt er gern auf trockenen Blütenständen von Schafgarbe (wie auf dem Foto) und ist dort aufgrund seiner ausgezeichneten Tarnfarbe kaum zu entdecken. Er gilt als gefährdet (Status 3).

 

Eine besonders geschützte Art nach der Bundesartenschutzverordnung ist der Feldsandlaufkäfer (Cicindela campestris) – wieder einmal wegen der Vernichtung seiner Lebensräume. Der kleine grüne Kobold ist sehr flink und im Gegensatz zu vielen seiner „Kollegen“ auch sehr flugfreudig, so dass man als Fotograf seine liebe Not mit dem Burschen hat. Relativ leicht ist es bei der Paarung oder bei der Eiablage (Bild unten links), sie fotografisch zu erwischen.

 

Interessant ist die Lebensweise seiner Larven. Kreisrunde, ca. 5 mm durchmessende Löcher im Boden lassen auf ihre Anwesenheit schließen (Bild unten rechts). Die Larve sitzt am oberen Ende der Röhre, verschließt diese mit dem Halsschild und wartet auf unvorsichtige Insekten. Kommt eines, schießt sie heraus, packt es mit den kräftigen Kieferzangen und zieht es in die Röhre. Um die Larve allerdings zu sehen, muss man sich den Röhren sehr vorsichtig, möglichst ohne Bodenerschütterung, nähern. Ansonsten muss man sehr lange warten, bis sie wieder nach oben kommt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der letzte Käfer, den ich hier vorstellen möchte, ist der Sechstropfige Halsbock (Anoplodera sexguttata), gefunden im Waldgebiet der Ohlei. Es ist eine wärmeliebende Art, deren Häufigkeit von Süden nach Norden kontinuierlich abnimmt. Alte Laubmischwälder in niederen, warmen Lagen sind sein Lebensraum. Auch diese Art ist auf Totholzvorkommen für ihre Larvalentwicklung angewiesen.

 

 

 

 

 

 

Und last not least noch ein Vertreter der Libellen, ganz aktuell im Juni an einem kleinen Altarm der Oker entdeckt. Der Südliche Blaupfeil (Orthetrum brunneum) ist zwar im Landkreis heimisch (Wolfgang Specht per E-Mail), wurde allerdings gerade in diesem Bereich noch nicht gefunden.

 

Autor und Fotos: Gerwin Bärecke, Goslar

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